Die Aussprache von Spanischlernenden erfassen: Das Erhebungsdesign des spanischen Korpus von Pronunciation Matters
Zusammenfassung
Der Beitrag stellt das Erhebungsdesign des spanischen Lernendenkorpus von Pronunciation Matters vor. Ausgehend von etablierten korpusphonologischen Protokollen und den Erfahrungen des Vorgängerprojekts MAR.ELE werden die Entwicklung einer phonologisch motivierten Wortliste, einer kontrollierten Satzliste und einer ergänzenden Interviewkomponente erläutert. Im Mittelpunkt stehen die systematische Erhebung ausgewählter Aussprachephänomene, die Vergleichbarkeit isolierter und satzgebundener Realisierungen sowie die Anpassung der Aufgaben an die Voraussetzungen von Spanischlernenden. Der Beitrag begründet die zentralen Auswahlentscheidungen und diskutiert die Reichweite und Grenzen des Protokolls.
Schlagwörter
Spanisch als Fremdsprache · Lernendenphonetik · Korpusphonologie · Aussprache · Erhebungsdesign
Forschungskontext und Zielsetzung
Das spanische Korpus von Pronunciation Matters setzt dort an, wo sich zwei Entwicklungen berühren: einerseits korpusphonologische Erhebungsdesigns, die Aussprache kontrolliert und vergleichbar dokumentieren wollen, andererseits eine ELE-Didaktik und universitäre Phonetik/Phonologie, in der Aussprache als Lerngegenstand und die Aussprache Lernender als Forschungsgegenstand zunehmend ausdrücklich mitgedacht werden.1 Empirische Daten zur Aussprache Lernender entstehen dabei nicht voraussetzungslos: Sie werden über Aufgabenformate gesteuert, die bestimmen, welche sprachlichen Einheiten gelesen oder gesprochen werden, unter welchen Bedingungen dies geschieht und wie vergleichbar die entstehenden Aufnahmen sind.
Ziel ist daher ein Aufgabenprotokoll, das zentrale Phänomene spanischer Lernendenaussprache systematisch erhebt, ohne die Erhebung durch unnötig schwierige Lexik, komplexe Lesetexte oder eine implizite Orientierung an erstsprachlichen Zielnormen zu überfrachten.
Dass Aussprache als Lerngegenstand und Lernendenaussprache als Forschungsgegenstand inzwischen stärker in die spanische Phonetik und Phonologie integriert werden, zeigt sich auch in einschlägigen Einführungen der deutschsprachigen Hispanistik: Pustka (2021) widmet der „Aussprache im Fremdsprachenunterricht“ bereits zu Beginn ihrer korpuslinguistischen Einführung ein eigenes Kapitel; Gabriel/Meisenburg/Selig (2025) nehmen in der zweiten, überarbeiteten Auflage erstmals ein eigenes Kapitel zu „Spanisch als Fremdsprache im deutschsprachigen Kontext“ auf, mit Abschnitten zu segmentalen Aspekten und Prosodie.
Pronunciation Matters knüpft an diese Entwicklung an und ergänzt sie um eine Plattform, die kontrolliert erhobene Lernendendaten für empirische Untersuchungen, forschungsnahe Hochschullehre und didaktische Anschlussfragen zugänglich macht.
Die didaktische Perspektive schließt zugleich an grundlegende Arbeiten zur Aussprachevermittlung im ELE-Unterricht an, insbesondere Gil Fernández (2007), und an praxisorientierte Beiträge zur Arbeit mit Fremdakzent im Unterricht wie Benet/Pešková (2017). Auch neuere ELE-didaktische Arbeiten bestimmen Aussprache nicht primär über die Annäherung an erstsprachliche Normen, sondern über Intelligibilität, Verständlichkeit und kommunikative Funktion (vgl. Santamaría Busto 2024; Bárkányi/Galindo Merino/Pérez-Bernabeu 2024).
Aus dieser doppelten Verortung ergibt sich die zentrale Designentscheidung des spanischen Aufgabenprotokolls: Bestehende Modelle bieten wichtige Vorarbeiten, können für die gezielte Untersuchung von Lernendenaussprache aber nur teilweise direkt übernommen werden. Das betrifft vor allem Wortschatzschwierigkeit, inhaltliche Ablenkungen durch Lesetexte und die Frage, welche lautlichen Phänomene mehrfach und kontrolliert erhoben werden müssen.
Leitend sind daher Intelligibilität, kontrollierte Elizitation, empirische Vergleichbarkeit und eine für Lernende sinnvolle Materialgestaltung.
Vorarbeiten und empirische Ausgangslage
Ein wichtiger Zwischenschritt war das frühere Projekt MAR.ELE – Corpus sobre la pronunciación del español por aprendientes de ELE en Marburg. In diesem kleineren Vorprojekt wurden 22 Aufnahmen mit Studierenden der Universität Marburg erstellt. MAR.ELE diente dazu, spanische Lernendenaussprache als Korpusmaterial zugänglich und empirisch auswertbar zu machen.
In der praktischen Arbeit mit diesem Korpus wurden jedoch auch die Grenzen eines stark übernommenen Designs sichtbar. Gerade diese Erfahrungen waren entscheidend für die weitergehende Überarbeitung im vorliegenden Projekt und stehen zugleich in engem Zusammenhang mit der allgemeinen Projektentwicklung, die hier nachgelesen werden kann.
Für MAR.ELE wurde die Wortliste des Projekts (I)FEC vollständig übernommen, um die Anschlussfähigkeit an ein etabliertes korpusphonologisches Design des Spanischen zu sichern. Das war methodisch sinnvoll, zeigte in der Arbeit mit Lernenden jedoch auch deutliche Grenzen: Einige Items erwiesen sich als unnötige lexikalische Stolperstellen, was sich unter anderem in wiederholten Leseversuchen, Versprechern (etwa Laut- und Silbenvertauschungen), Lautersetzungen, spontanen Reaktionen wie Lachen oder Schmunzeln sowie gelegentlichen Leseabbrüchen äußerte. In solchen Fällen ließ sich nicht immer eindeutig bestimmen, ob auffällige Realisierungen auf systematische Aussprachemuster oder auf Schwierigkeiten beim Erfassen der geschriebenen Wortform zurückgingen. Zugleich waren einige für die Lernendenaussprache besonders aufschlussreiche Phänomene im Material nicht ausreichend oder nicht ausgewogen vertreten.
Auch der in MAR.ELE verwendete Text war als Vergleichstext nützlich, erwies sich aber für die Zielgruppe als zu voraussetzungsreich. Die Überarbeitung des Erhebungsprotokolls beruht somit wesentlich auf den praktischen Erfahrungen mit den bisherigen Materialien und den dabei erkennbar gewordenen methodischen Schwierigkeiten.
Methodische Grundidee
Ein zentrales Ziel korpusphonologischer Projekte besteht darin, Sprachdaten projektübergreifend vergleichbar zu erheben. Diese Logik steht auch hinter etablierten Protokollen wie PFC/IPFC für das Französische und dem daran anschließenden spanischen Projekt (I)FEC. Ausgangspunkt ist Labovs Unterscheidung unterschiedlicher Grade von Selbstkontrolle bzw. Aufmerksamkeit auf die eigene Sprache: Kontrollierte Leseaufgaben, Wortlisten, Texte und offenere Gesprächsformate erzeugen unterschiedliche Datentypen, die zusammen ein differenzierteres Bild lautlicher Variation ermöglichen (vgl. Labov 1972; Detey/Durand/Laks/Lyche 2016; Racine/Zay/Detey/Kawaguchi 2012; Pustka et al. 2018).
Diese Standardisierung schafft die Grundlage dafür, Ausspracheproduktionen verschiedener Sprecher und Lernendengruppen miteinander zu vergleichen. Die ergänzende Erfassung sprachbiographischer Angaben ermöglicht es, die erhobenen Realisierungen im jeweiligen Sprachlernkontext einzuordnen. Für Pronunciation Matters musste das Prinzip der Standardisierung jedoch an ein spezifisches Erkenntnisinteresse angepasst werden: Im Zentrum steht kein allgemeines Referenzkorpus für das spanische Lautsystem, sondern ein Lernendenkorpus, das möglichst störungsarme Daten zur Untersuchung von Aussprachemustern und didaktisch relevanten Kontrasten bereitstellen soll.
Konzeption der Wortliste
Die (I)FEC-Wortliste ist für ein breites korpusphonologisches Programm konzipiert. Sie soll zahlreiche Phänomene des spanischen Lautsystems, regionale Variation und mögliche Kontraste erfassen. Für ein Lernendenkorpus ist diese Breite nur teilweise sinnvoll.
Einige Items sind phonologisch interessant, erwiesen sich aber für Lernende als unnötige Stolperstellen oder wiesen praktisch keinen analytischen Nutzen auf: morphologisch komplexe Formen wie estudiéis, seltene Diphthonge oder Triphthonge in Items wie bou, miau und guau, Lehnwörter wie kétchup und iceberg oder lexikalisch randständige Wörter wie ñandú, yunque und ciempiés.2 Solche Wörter können dazu führen, dass nicht mehr primär Aussprache erhoben wird, sondern Wortkenntnis, Lesesicherheit oder Unsicherheit im Umgang mit unbekannten Formen vom eigentlichen Fokus ablenken.
Die neue Wortliste verlässt daher bewusst das Ideal einer vollständigen Protokollübernahme. Sie ist aber weiterhin stark an (I)FEC gebunden: 58 unterschiedliche Wortformen aus (I)FEC wurden übernommen.3 Die Abfolge aus randomisiertem Hauptteil mit Einzellexemen und einem abschließenden Block mit Kontrastgruppen wurde ebenfalls beibehalten. Gleichzeitig wurden 31 Wortformen neu ergänzt, um die Liste besser an Lernende und an die geplanten Analysen anzupassen.4 Dazu gehören u. a. Items zur besseren Abdeckung bestimmter Konsonantenphänomene, etwa finales /d/ in ciudad, usted und verdad. Da wortfinales /d/ in (I)FEC nicht systematisch berücksichtigt wird, wurde es bei der Konzeption der Wortliste für Pronunciation Matters gezielt stärker einbezogen.
Die Wortliste wurde somit nicht neu erfunden, sondern gezielt überarbeitet. Entscheidend sind Intelligibilität, systematische Realisationen und relevante Kontraste. Die Liste umfasst 92 Aufgabenitems: 86 Einzelwörter und einen abschließenden Block mit sechs Kontrastgruppen. Darunter finden sich phonologische Kontraste wie caro – carro und pero – perro, orthographische Kontraste wie ola – hola und bienes – vienes sowie das Akzenttripel número – numero – numeró. Die Items sind phonologisch motiviert ausgewählt, aber lernendengerecht gefiltert.
Bevorzugt werden hochfrequente, frühen Lernniveaus entsprechende und orthographisch möglichst transparente Wörter. Relevante Phänomene sollen mehrfach vertreten sein, in der Regel durch drei bis fünf Items, damit Einzelbeobachtungen nicht überinterpretiert werden.
Bei der Zusammenstellung der Wortliste wurden phonetisch-phonologische und didaktische Gesichtspunkte miteinander verbunden. Berücksichtigt wurden zentrale Beschreibungsbereiche der spanischen Phonetik und Phonologie, darunter segmentale Kontraste, Silbenstruktur, Wortakzent, Graphem-Phonem-Beziehungen und prosodische Einbettung. Wichtige fachliche Bezugspunkte bilden dabei Pustka (2021) und Gabriel/Meisenburg/Selig (2025). Gerade den Graphem-Phonem-Beziehungen kommt im Spanischen auch aus didaktischer Perspektive besondere Bedeutung zu, da die vergleichsweise hohe Transparenz der Schreib-Laut-Zuordnungen nicht mit einer problemlosen Ausspracheproduktion gleichzusetzen ist (vgl. Díez Plaza 2024). Darüber hinaus berücksichtigt die Konzeption Arbeiten, die die lautliche Form als Bestandteil lexikalischen Wissens verstehen und Aussprache, phonologische Bewusstheit und Wortschatzarbeit eng miteinander verbinden (vgl. Hidalgo Gallardo/Pérez Serrano 2024).
Wie sich diese Auswahlkriterien in der Zusammenstellung der Stimuli niederschlagen, verdeutlichen die folgenden Beispiele:
| Phänomenbereich | Wörter und Kontraste (Auswahl) | Untersuchungsperspektive |
|---|---|---|
| Allophonie von /b/ und Grapheme ⟨b⟩/⟨v⟩ | labio, vino, lavar, vida | Plosive und approximantische Realisierungen in unterschiedlichen lautlichen Kontexten; mögliche orthographisch beeinflusste Aussprache von ⟨v⟩ |
| Rhotische Kontraste | caro – carro; pero – perro; reloj | Einfache und mehrfache Vibranten sowie ihre Stellungsbedingungen |
| Diphthonge | viuda, deuda, tierra, baile | Realisierung unterschiedlicher Vokalverbindungen innerhalb der Silbe |
| Hiatus | caída, oído, oír, reír | Realisierung heterosyllabischer Vokalfolgen |
| Konsonanten im Wortauslaut | ciudad, usted, verdad | Erhalt, Abschwächung oder Tilgung von finalem /d/ |
| Lexikalischer Wortakzent | número – numero – numeró | Unterscheidung bedeutungsrelevanter Akzentpositionen |
Die gezielte Kombination der Stimuli ermöglicht es, einzelne Aussprachephänomene in unterschiedlichen lautlichen Kontexten zu untersuchen und ihre Realisierung gegebenenfalls zwischen isolierten Wörtern und satzgebundener Produktion zu vergleichen.5
Grenzen klassischer Lesetexte
Auch für den zweiten Aufgabenbereich stellte sich die Frage, ob ein bestehender Lesetext übernommen werden sollte. In der phonetischen Tradition ist El viento norte y el sol ein etablierter Vergleichstext, der seit langem im Kontext der International Phonetic Association verwendet wird (vgl. International Phonetic Association 1999). Der Vorteil liegt auf der Hand: Wenn viele Projekte denselben Text nutzen, werden Daten leichter vergleichbar. Gleichzeitig ist die Texttradition selbst nicht unproblematisch.
Coloma (2015) zeigt für die spanische Version, warum auch der Standardtext nicht optimal balanciert war, und schlägt eine modifizierte Version vor, die zusätzliche Phoneme enthält, weniger Wortwiederholungen aufweist und phonetisch ausgewogener ist. Die Diskussion um alternative Versionen solcher Vergleichstexte zeigt zugleich, dass selbst etablierte Standardtexte immer auch phonologisch und didaktisch selektiv sind (vgl. Deterding 2006; Coloma 2015).
Auch (I)FEC verwendet nicht einfach den IPA-Standardtext, sondern einen eigenen Lesetext. Dieser Text ist für ein allgemeines korpusphonologisches Protokoll sinnvoll, für ein Lernendenkorpus aber ebenfalls nur begrenzt geeignet. Er umfasst 381 Wörter und ist damit für viele Lernende sehr lang; die Leseaufgabe kann entsprechend ermüdend wirken.
Hinzu kommen zahlreiche lexikalisch, syntaktisch oder semantisch anspruchsvolle Stellen, etwa se agrava, perrera, lugar de los hechos, inspeccionar, suntuosa oder Sätze wie Tan suntuosa por fuera, y por dentro parece un zoológico obtenido por la caza nocturna en selvas y pantanos. Vergleichbare Probleme zeigten sich auch im MAR.ELE-Text, dessen Auswahl an Andrea Peškovás Archivo de los acentos en el ELE angelehnt war. Der dort mit Blick auf teils ganz andere Phänomene verwendete, modifizierte Ausschnitt aus El Principito enthält u. a. Formen wie sinnúmero, lúgubre, inquirió, compadecido und vergüenza.
Solche Texte wollen nicht Wortschatz, Textverstehen, literarische Leseerfahrung, Aufmerksamkeit und Ermüdung testen. Für lesende Lernende werden diese Faktoren aber de facto Teil der Aufgabe. Sie können die Aussprachedaten überlagern und erschweren die Interpretation: Man weiß dann nicht immer, ob eine auffällige Realisierung auf ein Aussprachemuster zurückgeht oder auf Unsicherheit beim Lesen, auf unbekannte Lexik oder auf Überforderung durch den Text.
Hinzu kommt ein strukturelles Problem: Zusammenhängende Texte bilden relevante Phänomene selten gleichmäßig ab. Manche Phänomene treten mehrfach auf, andere gar nicht oder nur zufällig. Gerade lernendentypische Ausspracheprobleme sind darin nicht systematisch genug vertreten. Ein Lesetext ist daher für globale Leseaussprache, Rhythmus und prosodische Beobachtungen interessant, aber nicht optimal, wenn bestimmte Lernendenphänomene kontrolliert und mehrfach erhoben werden sollen.
Satzliste als kontrollierte Alternative
Für Pronunciation Matters wurde deshalb statt eines klassischen Lesetextes eine Satzliste entwickelt. Sie ersetzt nicht die Wortliste, sondern ergänzt sie funktional. Die Satzliste prüft, ob Aussprachemuster, die in isolierten Wörtern beobachtet werden, auch unter einfachen satzprosodischen Bedingungen stabil bleiben. Bei der Konstruktion der Sätze wurden jeweils zwei gezielt ausgewählte Items aus der Wortliste zugrunde gelegt. Diese Items erscheinen in der Regel in derselben Wortform; Flexion ist nur zulässig, wenn sie phonologisch neutral bleibt und kein neues Zielphänomen einführt. Vereinzelt treten weitere Wortformen aus der Wortliste auf, ohne dass sie als zusätzliche Zielitems vorgesehen waren. Die Satzliste führt damit keine neuen primären Zielphänomene ein, eröffnet durch die Einbettung in Äußerungen jedoch zusätzliche lautliche und prosodische Kontexte, insbesondere an Wortgrenzen.
Die Satzliste folgt damit einer Progressionslogik von kontrollierter Produktion hin zu komplexeren Satzkontexten und nimmt Intelligibilität und Verständlichkeit als zentrale Bezugsgrößen ernst (vgl. Marrero 2024; Santamaría Busto 2024). Die Verbindung von phonologischer Bewusstheit und mündlicher Produktion in kommunikativen Aufgaben bietet darüber hinaus einen Anschluss an Fullana/Pujolà (2024).
Die Liste umfasst 50 Sätze: 30 Aussagesätze, 10 Entscheidungsfragen und 10 W-Fragen. Die Sätze sind überwiegend 8–14 Wörter lang, syntaktisch einfach und A1–B1-orientiert. Vermieden werden Schachtelsätze, Nebensatzkaskaden, idiomatische Wendungen, stilistisch auffällige Formulierungen und semantisch stark ablenkende Inhalte.
Damit entsteht kein Ersatz für freie Sprachdaten. Freieres Sprechen wird in korpusphonologischen Traditionen häufig zusätzlich erhoben, ist aber für Anfänger und viele Lernendengruppen nicht immer der geeignete Ort, um bestimmte segmentale Phänomene systematisch zu prüfen.
Die Satzliste ist vielmehr eine kontrollierte Alternative zum klassischen Lesetext: weniger komplex als ein zusammenhängender narrativer Text, aber aussagekräftiger als isolierte Einzelwörter, weil Satzrhythmus, Satzakzent und Intonation mit ins Spiel kommen und zumindest ansatzweise analysierbar werden. Die drei Satztypen eröffnen dabei erste Vergleiche intonatorischer Realisierungen. Da die Äußerungen jedoch nicht in spezifische pragmatische Kontexte eingebettet sind, erlaubt das Material keine systematische Untersuchung diskurspragmatisch differenzierter Intonationsmuster.
Interview
Das projektweit eingesetzte Interview ergänzt die kontrollierten Leseaufgaben um die Perspektive der Lernenden auf ihre eigene Aussprache. Es wird nicht in der Zielsprache geführt, sondern dient der metasprachlichen Reflexion: Neben allgemeinen Einschätzungen zur eigenen Aussprache und wahrgenommenen Schwierigkeiten können auch konkrete Auffälligkeiten aus den vorangegangenen Leseaufgaben aufgegriffen und gemeinsam besprochen werden. Anders als bei den fest vorgegebenen Wort- und Satzlisten richtet sich der Gesprächsverlauf somit teilweise nach den Beobachtungen während der jeweiligen Erhebung.
Auf diese Weise werden die dokumentierten Ausspracheproduktionen um subjektive Wahrnehmungen und Einschätzungen ergänzt, die zusätzliche Einblicke in das Aussprachebewusstsein der Lernenden ermöglichen. Die Interviewkomponente knüpft damit an Arbeiten an, die phonologische Bewusstheit und metakognitive Reflexion als wichtige Bestandteile der Aussprachearbeit verstehen (vgl. Blanco Canales 2024).
Fazit: Potenziale und Grenzen des Erhebungsdesigns
Das vorgestellte Erhebungsdesign verbindet die systematische Erfassung ausgewählter Aussprachephänomene mit einer an den Voraussetzungen von Spanischlernenden orientierten Materialkonzeption. Im Mittelpunkt stehen die Vergleichbarkeit der erhobenen Produktionen und die Abdeckung zentraler phonetisch-phonologischer Erscheinungen, insbesondere im Bereich des Konsonantismus. Das spanische Korpus von Pronunciation Matters bietet damit eine empirische Grundlage für unterschiedliche Fragestellungen der Lernendenphonetik und Aussprachedidaktik.
Als allgemeiner angelegtes Erhebungsprotokoll kann und soll es allerdings keine auf einzelne Phänomene zugeschnittenen Untersuchungen ersetzen. Für vertiefende Analysen werden je nach Erkenntnisinteresse spezifischere Aufgaben und zusätzliche Daten erforderlich bleiben. Das für die Forschung bereitgestellte Korpus ermöglicht es jedoch, zahlreiche Fragestellungen zunächst anhand authentischer Lernendendaten zu untersuchen, erste Hypothesen zu prüfen und weiterführende Studien vorzubereiten.
Die Konzeption ist somit das Ergebnis einer bewussten Abwägung zwischen phonologischer Abdeckung, Vergleichbarkeit, Lernendenorientierung und praktischer Durchführbarkeit. Gerade diese Verbindung soll eine möglichst vielseitige wissenschaftliche Nutzung der erhobenen Sprachdaten ermöglichen.
Fußnoten
- Zum Gesamtprojekt, seiner Entstehung, Plattformlogik, methodischen Infrastruktur und beteiligten Zusammenarbeit siehe die Projektseiten Worum es geht, Projektaufbau, Daten & Methodik und Team & Mitwirkende. ↩
- Beispiele für nicht übernommene oder problematische (I)FEC-Items: estudiéis, cambiáis, bou, miau, guau, kétchup, iceberg, ñandú, yunque, ciempiés, rosbif, coñac, chalet, suntuoso, diurético. ↩
- Übernommene Wortformen aus (I)FEC: reloj, viuda, tabúes, querría, caída, numeró, toros, flor, ríe, hoy, juzgar, signo, labio, deuda, queja, ladrón, club, vainilla, número, ángel, caza, logro, mismo, vino, admirar, sueño, álbum, chico, algo, ahí, enfermo, diablo, nadie, causa, llave, perro, cuidar, baile, drama, vienes, gracias, oído, casa, ración, muchacho, salud, quería, paz, champán, obtiene, oye, reír, lleno, Europa, allí, numero, otros, pero. ↩
- Neu ergänzte Wortformen (31): mesa, neutro, ciudad, lavar, avión, jamón, gente, regla, euforia, oír, usted, giro, cuidado, solo, vacío, traer, jefe, vida, ustedes, tirar, carro, tierra, tampoco, hambre, suave, barrio, verdad, caro, ola, hola, bienes. ↩
- Für entsprechende Analysen stehen im Forschungsbereich von Pronunciation Matters kuratierte Phänomensets zur Verfügung, die ausgewählte Wort- und Satzitems zusammenführen. Darüber hinaus können Forschende die Items für spezifische Fragestellungen individuell kombinieren. ↩
Literatur
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